Wie Kampagnen wirklich entwickelt werden

Eine Kampagne gegen den Klimawandel zu entwickeln ist harte Arbeit. Jede Gruppe und jeder Kontext sind unterschiedlich, sodass es dafür keinen Standardprozess gibt. Doch oft gibt es bestimmte Schritte, die sie gemeinsam haben. Folgendes Beispiel durchläuft einige dieser gemeinsamen Schritte. Es stammt von der jordanischen Kampagnengruppe „Wir kommen zusammen: Wir haben alle das Recht auf öffentliche Verkehrsmittel“ (معاً معاً نصل – النقل العام حقنا جميعاً):

 

  1. Bring ein paar Leute zusammen
  2. Entwickle ein Kampagnenziel, finde Mitstreiter*innen, überarbeite das Kampagnenziel
  3. Veröffentliche die Kampagne, finde Verbündete und Freiwillige
  4. Konzentriere deine Energie auf den Erfolg der Kampagne

  1. Bring ein paar Leute zusammen

Die Arbeit von „Wir kommen zusammen“ begann mit zwei Leuten: Omar und Hiba. Omar ist ein junger Designer, der ehrenamtlich bei Greenpeace arbeitete. Hiba ist eine Mutter, die bei einigen Nichtregierungsorganisationen in Jordanien gearbeitet hat.

Beide nahmen am „Global PowerShift“ von 350.org in der Türkei teil. Sie erfuhren mehr über Kampagnen und entwickelten Fähigkeiten, weil sie bei Workshops über Internetkampagnen und Trainings zu Methoden sozialen Wandels sowie Eskalationstaktiken mitmachten.

In der Türkei wurden die Teams aufgefordert, sich lokale Kampagnen zu überlegen, die mit dem Klimawandel zusammenhängen. Doch obwohl Omar und Hiba gute Ideen hatten, waren sie sich nicht sicher, wie zwei Leute mit ihrer Arbeit ein so großes Thema wie den Klimawandel beeinflussen könnten. Sie überlegten sich einen Vorschlag, verfassten eine überzeugende Beschreibung und bewarben sich um eine kleine Grundfinanzierung, um mit ihrer Arbeit zu beginnen. Sie wussten nicht, ob sie Erfolg haben würden oder nicht, aber sie dachten, dass sie es zumindest versuchen könnten!

Mit anderen Worten: Ein paar Leute kamen zusammen und beschlossen, eine Gruppe zu einem Thema zu gründen, das ihnen am Herzen liegt.


2. Entwickle ein Kampagnenziel, finde Mitstreiter*innen, überarbeite das Kampagnenziel

In Jordanien gibt es sowohl Umweltaktivist*innen als auch etwas Bewusstsein für den Klimawandel – aber die Herausforderung bestand darin, eine Klimakampagne zu entwickeln, die für sehr viele Leute Relevanz hat. So suchten Omar und Hiba nach einem Weg, wie sie den Klimawandel mit Aspekten in Verbindung bringen könnten, die den Menschen am wichtigsten sind. Sie beschlossen, einen Sektor ins Visier zu nehmen, der mit am stärksten zu Treibhausgasemissionen beiträgt: den Transportsektor.

Mangelnde Infrastruktur für öffentlicher Verkehrsmittel, Finanzierung und Wartung haben dazu geführt, dass im Laufe der Jahre die meisten Jordanier*innen keine andere Wahl hatten, als sich ein eigenes Auto zu kaufen. Als Folge davon nehmen die Verkehrsprobleme in Amman heute Überhand und führen zu der Verschwendung wertvoller Zeit, Geld und Energie, was wiederum massive Umwelt- und Gesundheitsprobleme nach sich zieht.

In dieser Hinsicht hatte es auch mit dem Klimawandel zu tun, aber genauso wichtig war, dass sie Menschen über die soziale, gesundheitliche und wirtschaftliche Dimension an Bord holen konnten. Dieses Konzept ist wichtig: Sie wählten einen weithin geteilten Wert in der Gesellschaft aus und benutzten ihn, um zu überlegen, wie ihre Kampagne mehr Menschen gewinnen könnte.

Sie begannen, Nachforschungen anzustellen, indem sie alles lasen, was sie über öffentlichen Nahverkehr finden konnten. Sie stellten fest, dass kaum ein*e Journalist*in in Jordanien dies als ein wichtiges Thema ansah. Und noch schlimmer, niemand sprach darüber im Zusammenhang mit dem Klimawandel.

Sie begannen, mit Freund*innen und allen, die sie trafen, über das Thema zu sprechen. Langsam entstand die Gruppe „Wir kommen zusammen“ und wuchs zu einer Handvoll Leute. Sie waren nicht mehr nur eine oder zwei Personen, sondern rund ein Dutzend, die sich wöchentlich bei Tee und Kaffee trafen.

Nachdem sie über die Idee diskutiert und darüber geschlafen hatten, taten sie etwas, das fast alle Organisator*innen tun, wenn sie eine Kampagne entwickeln: Sie passten ihre Ziele und ihre Vision so an, dass diese im Rahmen ihrer Möglichkeiten lagen.

Da das Thema so groß war und bisher so wenig daran gearbeitet worden war, beschlossen sie, klein anzufangen und ihre Kampagne auf Amman, die Hauptstadt und ihre Heimat, zu beschränken. Sie entschieden sich für ein Kampagnenziel mit erreichbaren Zielen für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.

Sie hatten ein klares Ziel, nämlich die Öffentlichkeit zu mobilisieren und eine bessere Infrastruktur und Dienste im öffentlichen Nahverkehr in Amman zu fordern. Natürlich war es nicht klar, ob sie erfolgreich sein würden – aber in jeder Kampagne gibt es diesen Moment, wenn man noch nicht alle Informationen hat und trotzdem das Risiko eingeht und Menschen mutig über das Anliegen informiert, selbst wenn nicht alles bis in letzte Detail ausgearbeitet ist.


3. Veröffentliche die Kampagne, finde Verbündete und Freiwillige

Sie hatten eine Gruppe gebildet, hatten die Kampagne aber noch nicht veröffentlicht. Sie wollten sie erst veröffentlichen, wenn sie an Stärke gewonnen und fokussierte Ziele entwickelt hatten.

Als sie überlegten, was sie für den öffentlichen Start brauchten, wurde ihnen klar, dass sie eine kleine Gruppe waren. Das Vorhaben, die Stadt dazu zu bewegen, ihre Pläne zu verändern (selbst bei einem Anliegen, dem die meisten Jordanier*innen wohl zustimmen könnten), schien zu groß. Selbst das Interesse der Journalist*innen zu wecken, würde ziemlich schwierig werden. Sie würden Fragen stellen, auf die sie noch keine Antwort hatten, zum Beispiel „Wie wollen Sie sie dazu kriegen, ihre Pläne zu ändern?“ und „Wen repräsentieren Sie?“.

Deshalb taten sie zwei Dinge: Sie beschlossen, eine Partnerschaft mit einer Gruppe einzugehen, die eine Rechtsposition hatte. Sie fingen an, in ihrem Netzwerk herumzufragen – Freund*innen und Organisationen, bei denen Leute aktiv gewesen waren – um ihnen zu helfen, eine Partnerorganisation zu finden. Sie fragten bei einer Reihe von Gruppen per Email nach, wer bereit sei, in dieser Kampagne mit ihnen zusammenzuarbeiten. Sie hatten mit vielen Gruppen zu tun, die nicht die richtigen waren, aber sie blieben hartnäckig und suchten weiter nach neuen Verbündeten.

Ungefähr zur gleichen Zeit begannen sie auch mit der Öffentlichkeitsarbeit, um Freiwillige zu finden. Sie verbrachten Zeit an Bushaltestellen und anderen öffentlichen Orten, um die Erfahrungen von Nutzer*innen des öffentlichen Nahverkehrs aus erster Hand einzuholen. Sie stellten fest, dass die Stadt eine Vision formuliert hatte, aber dass sie unzureichend war. So fingen sie an, eine Kritik über diesen Plan zu schreiben und Alternativen vorzuschlagen, indem sie sich Rat von Expert*innen und Mitbürger*innen holten, die die gegenwärtigen öffentlichen Transportmittel nutzten.

Dies bedeutete, dass sie nicht länger nur sich selbst vertraten, sondern von Menschen lernten, die von dem Problem am meisten betroffen waren, und die sie für ihre Sache gewinnen konnten. Das steigerte ihren Einsatz und sorgte für neue Information und Perspektiven und sogar neue und extrem engagierte Mitglieder!

Diese Hartnäckigkeit zahlte sich aus.

Zufällig (und das passiert oft bei Kampagnen), gab es eine lokale Gruppe, Taqaddam, die sich mit dem gleichen Anliegen beschäftigte. Taqaddam ist eine Organisation, die sich mit vielen Themen sozialer Gerechtigkeit befasst, u. a. dem Transportwesen. Doch zu diesem Zeitpunkt waren sie aufgrund mangelnder Ressourcen nicht in der Lage, eine Kampagne zu dem Thema durchzuführen. Die Energie der lokalen, größer werdenden 350-Gruppe Freiwilliger passte perfekt!

Die Zusammenarbeit mit Taqaddam gab ihnen die Möglichkeit, den Start der Kampagne in die Wege zu leiten: Eine öffentliche und geschickt organisierte Pressekonferenz, bei der die Menschen auf das Rathaus der Stadt hinzu radelten, symbolisierte das Ziel der Basiskampagne. Taqaddam brachte seine Erfahrung in der Medienarbeit ein und „Wir kommen zusammen“ mobilisierte und stärkte sein lokales Netz von Freiwilligen.


4. Konzentriere deine Energie auf den Erfolg der Kampagne

Seither haben sie viele öffentliche Veranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit durchgeführt. Zusammen mit anderen haben sie den Bericht eines Forschungsinstituts angestoßen, der sich mit den Mängeln der gegenwärtigen Pläne bezüglich des öffentlichen Nahverkehrs in Amman beschäftigt. Die Kampagne läuft noch, doch sie bleiben bei ihrem ursprünglichen Kampagnenziel (anstatt weitere Kampagnen zu starten oder willkürliche Aktionen durchzuführen).

Durch diese verschiedenen Bemühungen hat das Team eine Menge Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit gefunden, was zu mehr Interesse in der lokalen Gemeinschaft geführt hat. Die Kerngruppe ist von zwei auf fünf Personen gewachsen, die viel Arbeit und Hoffnung in einen großen Erfolg stecken. Das Team ist sich sicher, seine Spuren in der Gesellschaft und bei den beteiligten Entscheidungsträger*innen hinterlassen zu haben.


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