Gute Presseinterviews geben: Methoden für Fortgeschrittene

Achtet auf mögliche Interview-Fallstricke

Medienschaffende sind auf der Suche nach der „wahren” Geschichte. Sie wissen, dass ihre Interviewpartner*innen ihre Argumente vorbereiten. Auch wenn sie nichts Böses im Sinn haben, wollen sie ihren Job machen und zum wahren Kern einer Geschichte vorstoßen. Um die „wahre” Geschichte herauszufinden, bedienen sie sich u. a. folgender Methoden:

  • Sie schweigen zwischen den Fragen, in der Hoffnung, dass ihr etwas Unbedachtes sagt.
  • Sie geben sich übertrieben locker, in der Hoffnung, dass euch Insider-Informationen herausrutschen.
  • Sie sagen, das Gespräch sei „vertraulich”, um die echte Story zu erfahren (auch wenn sich einige Reporter*innen daran halten, solltet ihr genau abwägen, welche Informationen ihr preisgebt).
  • Sie bringen haarsträubende Argumente gegen euch vor, um eine heftige Reaktion zu provozieren (das tun selbst Medienschaffende, die eigentlich eurer Meinung sind).
  • Sie stellen zunehmend provokante Fragen, um euch aus der Reserve zu locken, damit ihr dramatischer, wütender oder aggressiver antwortet, als ihr eigentlich vorhattet („Woher wissen Sie, dass der Klimawandel wirklich existiert?” … „Gibt es da nicht wissenschaftliche Zweifel?”).

Die richtige Reaktion auf diese häufigsten Fallstricke: Eure Botschaft im Auge behalten und entspannt bleiben. Hier einige Tipps, die euch dabei helfen, und Strategien, um unser Anliegen voranzubringen.

So verliert ihr auch bei heiklen Fragen nicht den Faden

Hier ein paar Beispiele aus einem Interview mit der kanadischen Aktivistin Brigette DePape. Zwei mit Schildern bewaffnete Demonstranten machten dem Premierminister die Bühne streitig. Live im Fernsehen prangerten sie ihn für seine Unterstützung der Teersand-Pipelines an und wurden gewaltsam von der Bühne entfernt.

Das nachfolgende TV-Interview hatte einen klaren Fokus. Unter dem Gesicht des fragenden Reporters wird die Frage eingeblendet: „Sind die Sicherheitsmaßnahmen für den Premierminister unzureichend, zu strikt oder genau richtig?” Der Reporter stellt eine Fangfrage: „Hat es Sie überrascht, dass als Personal verkleidete Personen so dicht an den Premierminister herankommen konnten?”

Was soll man darauf antworten?

Vor allem: Nicht die Prämisse der Frage wiederholen und über Sicherheit und Verkleidungen reden. Lasst euch durch die Frage nicht in eurer Antwort einschränken. Sie haben das Thema eingegrenzt – aber ihr solltet diese Grenzen, die nicht hilfreich sind, nicht noch verstärken. Ihr wollt ganz andere Areale betreten.

Fühlt euch nicht verpflichtet, Zahlen oder Fakten anzuerkennen, die für euch neu sind. Nutzt eure Zeit, um den Sachverhalt richtigzustellen oder Fakten zu präsentieren. Es ist fast immer gefährlich, auf hypothetische Fragen zu antworten. Umgeht diese Fragen, indem ihr allgemein Stellung bezieht und dann euer eigenes Beispiel anführt.

Eine Strategie besteht darin, von diesen Fragen auf eure eigentliche Botschaft umzuschwenken. Die sogenannte ABC-Methode kann euch helfen, solche Situationen durchzuspielen:

  1. Aufgreifen der Frage
  2. Brücke schlagen
  3. Content (Botschaft)

Und so kommt Brigette DePape im weiteren Verlauf des Interviews auf ihr Anliegen zurück:

Brigette: Ja, ich fand die eindrucksvolle Aktion dieser erstaunlichen jungen Leute sehr inspirierend. Sie trugen die entsprechende Kleidung, um ins Hotel zu kommen (Aufgreifen) und gegen Harpers Auftritt und die totale Untätigkeit der konservativen Regierung in puncto Klimawandel zu demonstrieren. (Brücke schlagen) Hunderttausende sterben wegen des Klimawandels oder müssen ihre Häuser verlassen, vor allem Menschen in Entwicklungsländern und indigene Gruppen, dabei können die am allerwenigsten für den Klimawandel. (Content)

Interviewer: (unterbricht) Verzeihung, da möchte ich kurz einhaken. And I will. Könnten Sie das bitte kurz erläutern? Sie sagten, Hunderttausende sterben aufgrund des Klimawandels. Was genau meinen Sie damit?

Brigette: Ich meine die extremen Wetterereignisse, zum Beispiel den Taifun auf den Philippinen. Zigtausende starben in den Fluten. Wir stellen fest, dass diese extremen Wetterereignisse immer häufiger werden, und zwar wegen des vom Menschen verursachten Klimawandels. Wenn Harper also für diese Pipeline wirbt, dann ist das sehr verantwortungslos, denn bekanntlich soll darin Teersandöl transportiert werden. Die dabei entstehenden Treibhausgase tragen zum Klimawandel bei.[1]

Dieses ganze Interview zeigt den „Kampf um die Story”.[2] Brigette schwenkt vom Fokus „Sicherheit” weg und lenkt den Reporter, zumindest für eine Frage, auf den Fokus „Klimawandel”. Im Verlauf des Interviews versucht der Reporter mehrmals, wieder auf das Thema „Sicherheit” zurückzukommen, aber mit der ABC-Methode könnt ihr bei eurer eigentlichen Botschaft bleiben.

Weitere Beispiele für Brückensätze:

  • „Das ist ein Problem, aber was die Menschen noch mehr beschäftigt, ist …”
  • „Einige sehen das so, doch unsere Forschungen zeigen, dass …”
  • „Ja, über dieses Thema wird noch lange diskutiert werden, heute geht es vor allem um …”
  • „Diese Frage muss in der Tat beantwortet werden und ich komme gleich darauf zurück, aber vorher möchte ich gern sagen …”
  • „Das ist natürlich ein Thema, aber es ist wichtig, dass wir uns auf … konzentrieren.”
  • „Nun, ich glaube, wir sollten uns auf die folgenden drei Punkte konzentrieren …”
  • „Das ist eine Möglichkeit, aber uns geht es um …”
  • „Das ist eine Sicht der Dinge, wir müssen aber sehen, wie dies ins Gesamtbild passt …“

Diese Technik muss geübt werden. Normalerweise reden wir nicht so – aber ein Interview ist kein normales Gespräch. Die ABC-Methode wäre in einem normalen Gespräch unhöflich, in einem Presseinterview ist sie normal.

Die Methode eignet sich nicht nur für harte Fragen. Reporter*innen stellen nur selten genau die Frage, die ihr beantworten wollt. Ein Mediencoach erklärt: „Wenn man euch neun Fragen stellt, von denen nur eine euer Anliegen betrifft, und ihr all diese Fragen direkt beantwortet, dann geht die eine wichtige Antwort unter den anderen acht unter und niemand wird sich daran erinnern.   Wenn ihr es schafft, eure Botschaft neunmal zu wiederholen, dann wird sie mindestens einmal durchdringen. Brücken sind verbale Einladungen an euch selbst, eure Argumente vorzubringen.”[3]

Wenn ihr über eure Botschaft sprecht, dann macht sie stark

Sobald ihr von der Frage weg seid, müsst ihr auf euer Anliegen kommen. Manche Gruppen erstellen einen Gesprächsleitfaden, um ihre Botschaft immer im Blick zu behalten. Allerdings handelt es sich dabei meist nur um eine Liste mit Fakten oder Argumenten. Das ist keine Botschaft.

Unsere Botschaft ist eine Antwort auf ein Problem – wir rufen (normale Menschen, staatliche Einrichtungen oder Unternehmen) zu Verhaltensänderungen auf.   Eine Liste mit Argumenten reicht nicht.

Es reicht nicht aus, nur zu erklären, was wir tun. Bei kreativen Aktionen liegt das Hauptaugenmerk der Interviewer*innen oft auf dem Spektakel, das wir veranstaltet haben, und nicht darauf, warum wir etwas gemacht haben. Die Menschen bewegen wir aber nicht mit Einzelheiten über die Durchführung einer riskanten Aktion (auch wenn das uns und unsere Freundinnen und Freunde interessiert!), sondern mit dem, was uns dazu motiviert hat – und warum das auch für sie relevant ist.

Unser Ziel ist, Menschen zu mobilisieren, damit sie handeln. Zur Strukturierung dieser Botschaft hilft es, sie sich als Geschichte vorzustellen, in der die Menschen zur Lösung des Problems beitragen können.

Strukturiert eure Geschichte:

  1. Problem
  2. Lösung
  3. Aktion

Hier ein paar Beispiele für eine solche Struktur von Jamie Henn, Communications Director bei 350.org, aus einem aktuellen Bericht über die Geschwindigkeit des Klimawandels:

Dieser Bericht bezieht die Zahlen zum Klimawandel auf die heiße, gefährliche Gegenwart (Problem). Er liefert Aktivistinnen und Aktivisten eindeutige Fakten, die sie in ihrem Kampf gegen neue Kohle-, Öl- und Gasprojekte als Waffe einsetzen können (Lösung). Jede neue Pipeline, jedes neue Gaskraftwerk, all diese Projekte spielen im Kampf gegen den Klimawandel eine Schlüsselrolle. (Aktion)

Oder um Exxon anzuprangern, weil der Konzern seine eigenen Untersuchungsergebnisse, die seinen Beitrag zum Klimawandel zeigen, ignoriert.

In den USA nahmen Politiker*innen beider Parteien in den 1990er Jahren keine Wahlkampfspenden von großen Tabakkonzernen an, weil die Branche das amerikanische Volk über die von ihr verursachten Gesundheitsschäden belogen hat. Die Kohle-, Öl- und Gasindustrie hat die Öffentlichkeit permanent über die mit ihren Produkten verbundenen Gefahren getäuscht (Problem), und diesmal ist der gesamte Planet in Gefahr. Man kann den Klimawandel nicht ernsthaft bekämpfen wollen (Lösung) und gleichzeitig Schecks von ExxonMobil annehmen (Aktion)..

In knappe, dynamische Sätzen gefasst ist die Botschaft nicht nur eine Aufzählung von Fakten, sondern bringt Argumente, die zum Umdenken führen.

Entspannt bleiben

Jeder Mensch hat bei Interviews seinen persönlichen Stil und Rhythmus. Ihr müsst eure eigene Stimme entwickeln.

Hier ein paar Tipps von 350, wie ihr eure persönliche Stimme finden könnt:

  • Wenn ihr einen Fehler macht oder zögert, dann atmet tief durch und versucht, die Kontrolle wiederzuerlangen. Ein 350-Organisator erklärt: „Manchmal fange ich einen Satz an und merke dann, dass ich nicht weiß, wie ich ihn beenden soll. Wenn ich nicht gerade live im Fernsehen bin, breche ich den Satz einfach ab und komme dann auf meine Kernbotschaft zurück. Reporter*innen wollen keine halben Sätze zitieren. Wenn ich ihn also nicht beende, bekomme ich eine zweite Chance.”
  • Die Kernaussagen müssen natürlich klingen. „Einmal diskutierte ich live im Fernsehen mit unserem Gegner. Wir hatten eine gute Aussage vorbereitet, von der wir wussten, dass sie die Gegenseite provozieren würde. Ich wollte aber nicht, dass sie unnatürlich klingt, also wartete ich auf den richtigen Moment, in dem sie ganz natürlich rüberkam. Ich denke, das ist auch im Interview wichtig. Wenn etwas aufgesetzt klingt, wird es nicht zitiert – es muss einen authentischen Eindruck machen.”
  • Verleiht eurer Botschaft eine persönliche Note. Untermauert eure Aussagen, wenn möglich, mit persönlichen Erfahrungen oder anschaulichen Beispielen aus eurer Arbeit. Vereinfacht und dramatisiert eure Kernpunkte mit Analogien. „Überlasst das Fachchinesisch der politischen Arema; Emotionen ziehen bei den Menschen stets viel mehr als Fakten. Achtet bei allen Zitaten und Bemerkungen auf eine persönliche Note.” Einige Beispiele: Mein Kind hat Asthma, daher ist saubere Luft für unsere Familie immens wichtig. ODER Als Naturfreundin ist es mir wichtig, dass ich die freie Natur genießen kann – daher will ich, dass unsere Umwelt durch Gesetze vor dem Klimawandel geschützt wird.
  • Benennt eure Gegner und eure Ziele. Habt keine Angst, Leute herauszufordern. „Mein Kind hat Asthma, daher ist saubere Luft für unsere Familie immens wichtig. Dass die Regierung das Kohlekraftwerk befürwortet, halte ich für untragbar. Damit stellt sie ihre reichen Kumpane über die Gesundheit meiner Familie.”
  • Wenn ihr einen triftigen Grund habt, bestimmte Informationen nicht preiszugeben, dann erklärt höflich, dass es sich um vertrauliche oder geschützte Informationen handelt. Sagt niemals: „Kein Kommentar.”
  • Sie interviewen euch – also bleibt ehrlich. „Seit Längerem habe ich das Gefühl, ich spreche im Namen der Kampagne, und das tue ich auch. Aber es ist auch meine ganz persönliche Meinung. Wenn ich die Antwort nicht kenne, dann gebe ich das offen zu, auch wenn ich weiß, dass andere von der Kampagne sie kennen. Ich muss nicht raten. Wenn ich mit Zeitungsleuten rede, biete ich an, die gewünschten Informationen nachzureichen.”
  • Redet langsam. Vor allem bei Live-Interviews werden viele immer schneller. Bremst euch. Vergesst nicht zu atmen.
  • Und: Üben, üben, üben! „Wenn ich mich auf ein Interview vorbereite, erstelle ich eine kurze Liste mit Punkten, die ich auf jeden Fall zur Sprache bringen will. Dann liste ich Fragen auf, die mir gestellt werden könnten (einschließlich Standardfragen, freundlicher, unfreundlicher Fragen), und überlege, wie ich dort am besten meine Kernpunkte unterbringen kann. Ich notiere aber auch Schlüsselsätze, Brücken, Fakten, die ich einfließen lassen will, und Ton. Dann bitte ich meinen Partner, mir diese Fragen immer und immer wieder zu stellen (auch andere, die ihm selbst einfallen, oder Nachfragen), bis ich sie sicher und fließend beantworten kann. Dabei achte ich darauf, meine Kernbotschaften mit den besten Argumenten und im besten Ton vorzubringen.”

Gute Interviews geben: Die Grundlagen

Presseinterviews: Tipps für TV und Radio

 

[1] Klimaaktivisten stören Auftritt von Stephen Harper, http://www.cbc.ca/player/play/2428600386/

[2] Das Center for Story-Based Strategy hat hierzu Materialien erstellt, unter anderem: http://smartmeme.drupalgardens.com/sites/smartmeme.drupalgardens.com/files/sM-BattleofStory.pdf

[3] Auszug aus dem Buch von Chris Rose How to Win Campaigns, http://www.campaignstrategy.org/book_extracts/7_bridging.pdf.


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