Wie man neue Impulse setzt

Eine Bewegung aufzubauen, kann sich manchmal so anfühlen, als ob man einen Felsbrocken einen Berg hochschieben will. Wir arbeiten gegen große Kräfte, die wir nur durch sehr große Anstrengungen bewegen können. Manchmal fühlt es sich wiederrum so an, als ob wir einen Berg hinterherrennen würden - wir fangen etwas an und es nimmt schnell Fahrt auf. Manchmal müssen wir rennen, um bei dem, was geschieht, mitzuhalten. Wir verwenden Energie um sicherzustellen, dass die Ereignisse auf Kurs bleiben. Wie auch immer unsere Arbeit sich anfühlt, sie benötigt immer dasselbe: neue Impulse.

Was also hilft Gruppen dabei, neue Impulse zu setzen? Hier sind ein paar Lektionen aus aller Welt.

 

Werte aufgreifen, die viele Menschen teilen

Zwei Organisator*innen in Amman (Jordanien), Omar und Hiba, starteten eine lokale Gruppe zum Klimawandel mit dem Namen „Wir kommen zusammen: wir haben alle ein Recht auf öffentlichen Nahverkehr“ (معاً نصل – النقل العام حقنا جميعاً). Nachdem sie an dem Training „Global PowerShift“ (Globaler Machtwechsel) von 350.org teilgenommen hatten, beschlossen sie, eine lokale Kampagne ins Leben zu rufen, die sich mit dem Klimawandel befasst.

Das Problem war, dass es in Jordanien nicht üblich ist, über Klimawandel zu sprechen. Nur wenige Journalist*innen befassen sich damit. Umweltbewegungen gibt es noch nicht so lange.

Deshalb suchten Omar und Hiba nach einem Weg, eine Brücke zu den Themen zu schlagen, die den Menschen am wichtigsten sind. Sie stellte fest, dass der mangelnde öffentliche Nahverkehr Jordanier*innen mit niedrigem Einkommen keine andere Wahl ließ, als sich ein privates Auto anzuschaffen. Das führt wiederum zu massiver Luftverschmutzung und trägt mit am stärksten zu den Treibhausgasemissionen bei.

Indem sie über dieses Thema sprachen, griffen sie weithin geteilte Werte auf. Anstatt eine Kampagne ausschließlich zum Klimawandel, ihrem Wert, zu entwickeln, brachten sie neue Menschen in die Kampagne auf Grundlage von deren Werten. Die Kampagne drehte sich um den Klimawandel – aber sie aktivierte Menschen aufgrund der sozialen Probleme, die durch das Fehlen von öffentlichem Nahverkehr, die resultierenden Gesundheitsprobleme und die wirtschaftliche Ungerechtigkeit entstehen.

Nachdem sie mit Busfahrgästen und Partnerorganisationen gesprochen hatten, starteten sie eine erfolgreiche stadtweite Kampagne, damit die Regierung ihre Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr anpasst – und um immer mehr Energie rund um das Thema des Klimawandels zu erzeugen.

Welche weithin geteilten Werte werden durch die gegenwärtige Politik verletzt? Welche Werte hast du noch nicht angesprochen, die auch in Verbindung mit deinem Thema gebracht werden könnten? Wie kann sich deine Bewegung weiterentwickeln, um die wichtigsten der weithin geteilten gesellschaftlichen Werte einzuschließen?

 

Plane mindestens zwei Aktionen im Voraus

Manchmal konzentrieren wir uns zu unserem eigenen Nachteil auf die Organisation einer einzigen Großaktion. Wenn die Aktion erfolgreich ist, werden die Menschen danach fragen „Und, was kommt als Nächstes?“. Darauf haben wir jedoch zu oft keine konkrete Antwort.

In Brasilien arbeitet 350.org-Organisatorin Nicole Oliveira für ein großes Bündnis, um die Ausbeutung durch Fracking-Firmen zu stoppen. Sie haben große Aktionspläne für den 7. Oktober – den Tag, an dem die Regierung Landrechte (darunter Land der Ureinwohner*innen) an Fracking-Firmen verkauft. Was am 7. Oktober passiert, ist entscheidend.

Trotzdem planen sie im Vorfeld mehrere Aktionen. Am 20. September (dem Internationalen autofreien Tag) nehmen sie an einem 20.000+ Marathon/Fahrradtour/Spaziergang teil. Sie organisieren auch eine Demo mit Menschen, die traditionellen afrikanischen Religionen angehören. Am 4. Oktober organisieren sie verschiedene Solidaritätsveranstaltungen weltweit. (Daran kannst auch du teilnehmen. Mehr Infos unter www.350.org/nofrackingbrazil)

Sie haben all diese Pläne im Vorfeld geschmiedet. Sie haben sich vorausdenkend überlegt, wie sie eine Verbindung zu verschiedenen Menschen und Zielgruppen aufbauen können. Jede Aktion hat einen eigenen Wert. Ihre Wirkungskraft besteht jedoch darin, dass sie in Verbindung miteinander den Menschen das Gefühl geben, ein Teil von etwas zu sein. Wenn jemand im September den Lauf beendet, wird er*sie zu den nächsten bevorstehenden Aktionen eingeladen.

Das ist ein entscheidender Punkt: Sobald wir mit einer Aktion fertig sind, organisieren wir eine zweite, damit die Menschen auch daran teilnehmen. Das schafft ein Gefühl von Eigendynamik.

Das ist nicht nur beschränkt auf den direkten Zeitraum vor dem großen Landrechteverkauf. Sie haben auch Pläne für die Zeit danach. Ob sie gewinnen oder verlieren, sie haben die Menschen schon darauf vorbereitet, dass die Bewegung durch Aktionen nach dem 7. Oktober anhalten wird.

Es braucht etwas Mut, einen Fahrplan für Aktionen zu schaffen. Es zeigt Vertrauen in unsere Organisationsfähigkeiten – auch wenn wir für Aktionen einen Zeitpunkt festlegen ohne genau zu wissen, wie die Aktionen aussehen werden. Wie kann man solch einen Aktionsfahrplan aufstellen oder wenigstens zwei aufeinanderfolgende Aktionen planen?

 

Aktionen spannungsvoll gestalten

Das obenstehende Beispiel zeigt eine weitere Methode, neue Impulse zu setzen, nämlich durch die Einbindung von Spannung. Wir wissen nicht, was am 7. Oktober geschehen wird – das weckt Interesse und bringt Menschen dazu, darüber zu reden.

Natürlich gibt es bei manchen Kampagnen Termine wie diesen, die Spannung erzeugen. Aber wenn es in unserer Kampagne keine Termine gibt (und selbst wenn sie vorhanden sind), können wir eine wirkungsvolle Meinung einnehmen und Aktionen entwickeln, die Spannung erzeugen.

Das kann bei wirklich wirkungsvollen Aktionen mit Eskalationscharakter der Fall sein. Klimawandel-Gegner*innen in Deutschland und den Nachbarstaaten beschlossen, Spannung in ihren Plan einzubauen, die größten Kohlebagger der Welt stillzulegen (Bagger 288). Sie kündigten ihre Absichten öffentlich auf ihrer Website an: „Vom 14. bis 16. August werden wir gemeinsam mit hunderten von Leuten den Braunkohletagebau bei Köln durch eine Aktion zivilen Ungehorsams stoppen.“

Der Plan war einfach, jedoch logistisch eine Herausforderung: Hunderte Menschen so aufzustellen, dass sie die Bagger physisch stoppen. Um weitere Impulse zu setzen, planten sie vorher vielfältige Aktionen, einschließlich einer Unterschriftensammlung für eine Absichtserklärung, sich an zivilem Ungehorsam zu beteiligen sowie einer Abstimmung mit Verbündeten wie der Degrowth Summer School, die ein buntes Klimacamp errichtete. Ein Ort des Zusammenkommens und Kennenlernens, um Vertrauen in die Bewegung zu entwickeln und zu lernen, was wir tun können, um ein Klimachaos zu vermeiden.

Was würde passieren? Das wollten Verbündete, Medien und die Öffentlichkeit wissen. Diese Verwegenheit hat die Menschen fasziniert, Interesse und Neugier geweckt und neue Impulse gesetzt.

Letztendlich waren fast 1.500 Menschen Teil dieser wagemutigen Aktion zivilen Ungehorsams und stoppten damit Europas größten CO2-Emittenten – indem sie die Braunkohleproduktion des Tagebaus im Rheinland stoppten.

(http://350.org/ende-gelande-wrap-up/).

Es gibt viele Methoden für die Erzeugung von Spannung mit unterschiedlich großem Risiko. 350.org Neuseeland hat sich einer Kampagne angeschlossen, um die geheimen Verhandlungstexte des Transpazifischen Partnerschaftsabkommens (TTPA) zu veröffentlichen. Ihre Vorgehensweise? Sie verkündeten ihre Absicht, friedlich und gewaltfrei eine demokratische „Durchsuchung und Beschlagnahme“ von Regierungsbüros durchzuführen, um die Texte zu veröffentlichen. Andere haben Wettbewerbe oder Verlosungen organisiert, was auch Spannung schafft.

Welche anderen Aktionen haben Spannung erzeugt – nicht nur für die Akteur*innen selbst, sondern genug, um andere Verbündete anzuziehen? Solche Aktionen zu entwickeln, erfordert u.U. Verwegenheit und Kreativität. Wie kann deine Gruppe kreativ werden und mit neuen Aktionsformen experimentieren? Was könntet ihr probieren, das Spannung schafft?

 

Plane Aktionen bei aufsehenerregenden Veranstaltungen Anderer

Der kanadische Organisator Cam Fenton beschreibt ihren politischen Kontext: „Angesichts des zusammengebrochenen Ölpreis, eines Sommers historischer Waldbrände und Medien, die endlich bereit zu sein scheinen, über Klimawandel zu reden, haben wir ein perfektes Rezept dafür, den Klima zu einem wesentlichen Thema bei den bevorstehenden Wahlen in Kanada zu machen. Doch während die Emissionen und die Temperaturen zunehmen, steigt der Ehrgeiz der politischen Parteien in Kanada nicht.“

Das Ziel der Gruppe war, die Medien und die öffentliche Diskussion weiter voranzutreiben. Sie hätten ihre eigenen Aktionen und Veranstaltungen organisieren können – und vielleicht hätte eine Handvoll wohlwollender Medien über die Veranstaltung berichtet und das Thema Klimawandel mit den Wahlen in Verbindung gebracht. Doch da die meisten führenden Politiker*innen nicht willig waren, den Klimawandel wirklich anzugehen und die meisten Medien bereit sind mitzuspielen, entschied sich 350.org Kanada für eine andere Strategie: Dahin zu gehen, wo es schon viel Aufmerksamkeit gab.

Ihre Strategie: Sie folgten Kandidat*innen zu deren öffentlichen Veranstaltungen und unterbrachen sie, um über den Klimawandel zu sprechen. (Bei dieser gezielten Verfolgungstaktik konfrontiert man die gleiche Person mit der gleichen Nachricht, wo immer sie auch hingeht.) Sie mussten weder Medien noch Zuschauer anziehen – denn diese waren schon da. Stattdessen hatten sie „nur“ die schwierige Aufgabe, die Termine für die öffentlichen Auftritte der Politiker*innen herauszufinden und sich dann einzuschleichen.

Die Taktik funktionierte. Zum Beispiel folgten Aktivist*innen dem konservativen Premierminister Stephen Harper und es gelang ihnen, Zugang zu einem seiner öffentlichen Auftritte zu erhalten. Lokale Klimaaktivist*innen organisierten draußen eine Demo zur Unterstützung. Drinnen schlichen sich zwei Leute ein und hielten Schilder mit „Wählt Klimagerechtigkeit“ hoch. Sie wurden sofort hinausgeworfen, aber ihre Bilder verbreiteten sich rasend schnell im Netz und riefen sogar Twitter-Antworten von Parteispitzen hervor. (Mehr dazu unter http://350.org/crashing-harpers-campaign/)

Eine der Organisator*innen der Aktion, Aurore Fauret, erklärt das Konzept: „Es geht darum, Impulse zu setzen, indem man zeigt, wie breit die Ablehnung ist.“ Das funktionierte hier vor allem deshalb, weil sie sich nicht auf ihre eigene Fähigkeit verließen, die Aufmerksamkeit der Medien zu bekommen, und sie stattdessen dort hingingen, wo die Medien schon waren.

Dieses Konzept, bei Ereignisse dabei zu sein, die schon viel Aufmerksamkeit genießen, ist auch in weniger konfrontativer Art und Weise angewandt worden. Zum Beispiel wurden bekannte Sänger*innen dafür gewonnen, in ihrem Konzert den Klimawandel anzusprechen, oder es wurden Organisator*innen einer Fahrrad-Demonstration überzeugt, bei der Tour Aktionsnachrichten über Klimawandel einzubauen.

Welche bevorstehenden sozialen, kulturellen oder politischen Ereignisse gibt es, die bereits eine gewisse Aufmerksamkeit genießen? Kannst du eine Verbindung zu einigen davon herstellen – entweder indem du sie übernimmst oder eine unterstützende Rolle spielst? Wie kann das uns helfen, neue Beziehungen und Energie aufzubauen?

 

Menschen konkret Verantwortung übertragen, damit sie sich weiter engagieren

Nur wenige Dinge können neue Impulse so schnell zum Erliegen bringen, wie Menschen keine konkreten Folgeaktionen anbieten zu können. Dadurch könnten wir potentielle neue Mitglieder und Menschen mit Führungsqualitäten verlieren. Aber keine Richtung zu haben, kann auch Gefühle von Verzweiflung, Burnout oder Hoffnungslosigkeit auslösen.

Wir müssen uns überlegen, wie wir die Qualität unserer Beziehungen zu Interessierten verbessern können und wie wir andere Menschen ermutigen, mehr Verantwortung für die Arbeit zu übernehmen. Nimm dir zum Beispiel Zeit für ein Gespräch unter vier Augen und finde heraus, was seine*ihre Stärken sind und warum er*sie sich für die letzte Aktion interessiert hat. Überlegt gemeinsam, was er*sie zu eurer Arbeit beitragen kann, um das Team zu stärken. Könnte er*sie z.B. einen Vortrag bei einer bevorstehenden Veranstaltung in der Nachbarschaft oder der religiösen Gemeinde halten oder mit einem gegenwärtigen Mitglied zusammen die nächste Kunstveranstaltung organisieren?

Der südafrikanische Organisator Ferrial beschreibt, dass es schon ein Anfang ist, sich mit Menschen zusammenzusetzen: „Wir probieren Aktivismus in Bereichen aus, die nicht gut organisiert sind. Viele der Leute, mit denen wir arbeiten, sind nicht besonders an Politik interessiert, und so müssen wir sie langsam ans Organisieren heranführen. Wir fangen oft ganz entspannt an. Wir organisieren beispielsweise einen Kaffeeklatsch frei nach dem Motto ‚Wir machen einen Kaffeeklatsch, komm einfach vorbei.‘ Dann kannst du langsam anfangen, über Themen des Klimawandels zu sprechen und zu fragen, ob sie bei einem Kernteam mitmachen würden. Falls sie erstmal Interesse haben, dann bestehen gute Chancen, dass sie aktiv werden möchten. Arbeite dann aber mit ihnen zusammen, um eine Gruppe zu bilden und fange mit sehr kleinen Kampagnen an.“

Mit jedem Schritt steigt der Einsatz, den du erfragst: Trink einen Kaffee mit uns, werde Teil des Kernteams, organisiere eine erste Kampagne. Für jede dieser Stufen bieten wir ihnen verschiedene konkrete Schritte an, um involviert zu bleiben – nicht nur Aktionen, sondern auch Aufgaben zur Heranführung an Führungsrollen, zur Rekrutierung anderer Leute oder zur Datenbankunterstützung. Einfach alles, was dafür sorgt, dass sich die Menschen weiter engagieren.

Wie hilfst du Menschen, eine stärkere Führungsrolle zu übernehmen? Wie holst du Menschen da ab, wo sie gerade stehen – und wie hilfst du ihnen, sich ihrer Interessen und Fähigkeiten bewusst zu werden, damit du ihnen konkrete Aufgaben geben kannst?


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